Simracing United Logo

Mit den Augen des Fahrers – GT3 Trophy in Ungarn

Der seit 1986 genutzte Hungaroring nordöstlich von Budapest ist für seine wenigen Überholmöglichkeiten bekannt. So war der vierte Lauf der GT3 Trophy auch eher durch handfeste Überholversuche gekennzeichnet. Doch schauen wir mal direkt in einige Cockpits im Rennen hinein.

Der Beginn des Dramas

Polesetter Michel Behrendt geht mit gutem Beispiel und Start voran, vor Jura Petritchenko und Sascha Krupp, doch von hinten schießt Ralf Stingl mit Vehemenz nach vorn. Auch Walter, Grothe und Taito gegen vorbei, Putz zwängt sich noch neben Sanders, der nun Neunter ist. Hätte er keine Handschuhe an, man könnte auf Heiko Sanders Finger das Weiße an den Knöcheln sehen, so verkrampft versucht er dagegen zu halten. Hektischer Blick in den Rückspiegel, keine unmittelbare Gefahr, signalisiert das Kleinhirn. Im hinteren Feld eine Massenkarambolage, säuselt der Boxenfunk seiner 22jährigen Renningenieurin. Boah, muss die so eine Piepsstimme haben?? Herbert Putz quetscht sich auf Armeslänge rechts neben Sanders, doch der hält dagegen. Man ist ja nicht zum Vergnügen hier. Aus dem Augenwinkel sieht Heiko, das Sascha Krupp und Markus Walter aneinandergeraten, eine folgenschwere Schicksalsbegegnung, die für Markus Walter im Dunst (und Kies) des Vergessens endet und Heiko einen Platz kampflos erobern lässt.

Zweikampf pur

Die Gänge klacken flott durchs Getriebe, der 650S GT3 schlupft etwas träge, doch schon ist der Kollege Putz ausbeschleunigt. Platz 7, noch nuckelt Sanders am Getriebe von Sascha Krupp, hinten drängt weiterhin Herbert Putz. Tobias Taito schlenkert etwas unmotiviert ausgangs Start/Ziel über die Randbebauung, und schon wieder ein Gegner hinter sich gebracht. Doch einige Kurven später, der Horizont so einladend, geht Heiko der Asphalt aus, die Bremse kommt ungewollt zum Einsatz, und Hintermann Putz zieht vorbei, verdrängt ihn zurück auf Rang sieben. Frage an Chantalle an der Box, wer ist vorn? Piepsige Antwort: „Behrendt vor Grothe und Petritchenko, dann Stingl und Krupp, der Sascha. Den Putz vor Dir siehst Du ja, oder?“ Heiko schluckt. Heute Abend pinkele ich ihr in den Smoothie, denkt er mit verzerrter Miene, bevor das Rennen wieder seine ganze Aufmerksamkeit erfordert. Herbert Putz vor ihm wird eher kleiner als größer, obwohl Sanders mit seinen Pedalen, Lenkrad und Schaltwippen spielt wie Phil Collins zu besten Zeiten am Schlagzeug. Hinter ihm wird Thomas Huebner im Rückspiegel eher größer. Rundenlang versucht Heiko, dieses Verhältnis umzukehren, bis…ja bis plötzlich Alexander Grothe vor Putz auftaucht. Schon ist ebenjener Putz wieder in Reichweite. Heiko holt tief Luft, tritt das Gaspedal durch, und….

Unverhofft kommt oft

Günther Jahn versucht derweil auf Rang 14 liegend, Bastian Spitzner zu folgen. Der 62jährige aus Schauenstein ist zwar ein alter Hase im Rennzirkus, doch machen Lebensjahre keine Pferdestärken. Vor seiner Nase noch Marko Dohmen, der sich etwas im Mittelfeld verfangen hat und ebenfalls Anschluss nach vorne sucht. Plötzlich Hektik, Jonas Hillert dreht sich, trifft dabei Markus Kruenes, die beide nun von der Strecke trudeln. Günther lässt sich das Geschenk nicht entgehen und rückt auf Platz 12 vor, nur noch Marco Dohmen und Bastian Spitzner liegen zwischen ihm und den TopTen.  Beide sind in Sichtweite, und sein Boxenfunk quäkt plötzlich los: „Los Günther, machet, gibb Gass, dat schaffse!“ Günther schmunzelt und trägt innerlich in seine ToDo Liste ein, keinen Saufkumpel mehr mit in die Box zu nehmen. Dohmen geht an die Box, vor ihm dreht sich Thomas Schacht ins Gras, Günther nimmt nun, auf Rang 11 liegend, Bastian Spitzner ins Visier. Runde um Runde spult Jahn nun Bestzeiten ab, knabbert am knappen Vorsprung von Spitzner, den er immer im Blick hat. Die folgende Kurve kurz angebremst, einen Gang runter, noch einen Gang, dann wieder sanft aufs Gas, Blick in den Rückspiegel, und….Kevin Schampera rast vorbei, nimmt Jahn Rang 11 weg und jagt davon.

Er war jung und brauchte den Speed

Der 34jährige Berliner, der nun mit Dauervisum in Nürnberg lebt, freut sich diebisch über seinen Überraschungsangriff und drückt mächtig auf die Tube. Und da Kevin nun mal großen Respekt vor der Erfahrung eines Günther Jahn hat, hat er ihn auch ganz respektvoll überholt. Kurzer Blick aufs Handy, laut seinem Boxen-WhatsApp liegt Behrendt weiter einsam in Führung, dahinter Petritchenko, Stingl und Sascha Krupp, auch Herbert Putz ist noch dran. Heiko Sanders weiterhin 6.; Plötzlich eine Sprachnachricht vom Teamchef: „Kevin, wir haben grad eine 500€ Strafe bekommen, wegen Benutzung des Handys am Steuer. NIMM DEN BOXENFUNK, DU HIRSCH!“ Elegant das Handy in die Ablage werfend, rast Schampera weiter den Top Ten entgegen. Hinter ihm hat sich Günther Jahn, nach einer Flasche Klosterfrau Melissen Geist auf ex, wieder erholt und versucht die Lücke wieder zuzufahren. Kevin allerdings ist ja nicht von gestern, denkt sich „Watt solln dette?“ und hält den Abstand konstant.

Geduld zahlt sich aus

Doch rundenlang tut sich nix, die Abstände bleiben gleich, bis ihn der erlösende Ruf in die Box ereilt. Mit zerfledderten Reifen und gurgelnden Geräuschen aus dem Tank besucht er grinsend seine Crew. Sein Teamchef eilt an die Fahrertür und hält wortlos die Hand hinein, bis er mit ernster Miene und einem Handy in der Hand wieder an den Kommandostand schreitet. Als 16. kommt er aus der Box, knapp vor Günther Jahn, der mittlerweile auch frische Gummis (Reifen, nichts anderes!) geholt hat. Ein weiterer Stop eines Gegners bringt Platz 15, Gerald Schulte tucht nun formatfüllend vor ihm auf. Markus Walter, Tobias Taito und Hannes Hickl sowie Thord Johnson sind derweil schon längere Zeit ausgeschieden, auch Markus Kruenes wirft in Runde 21 das Handtuch. Sukzessive arbeitet sich Schampera weiter vor Richtung TopTen, letztlich winkt im Ziel dann auch Platz zehn.

Das Ergebnis

Es gewinnt Michel Behrendt souverän vor Ralf Stingl und Jura Petritchenko. Platz vier geht an Sascha Krupp, der Herbert Putz in die Schranken weisen kann. Heiko Sanders wird Sechster, vor Thomas Huebner und Alexander Grothe. Bastian Spitzner kann sich deutlich vor Schampera ins Ziel retten. Und Günther Jahn? Wird 14., vor Rainer Langkau, und zischt sich im Ziel erstmal ein frisch Gezapftes. 22. Und letzter wird Gerhardt Waldhart.

Der Start-Massencrash geht zulasten von Stephan Gautschi, der 12 Strafpunkte und eine Zeitstrafe mitnimmt, Hannes Hickl gewinnt ebenfalls zwei Strafpunkte wegen eines Scharmützels zuungunsten Bernhardt Janssen. Thomas Schacht kommt ebenfalls mit eine 30 Sekunden Zeitstrafe aus dem Rennen wegen eines Vorfalls mit Thomas Schmitt.

In der Gesamtwertung führt weiterhin Jura Petritchenko mit 133 Punkten vor Sascha Krupp mit 117 Punkten, dritter ist Ralf Stingl mit 113 Punkten vor Heiko Sanders mit 105 Punkten.

Mit diesem Zwischenstand geht es in den nächsten Lauf am 09.11.2017 nach Portugal.



Pokal Rennergebnis

Gold Rennsieger: Michel Behrendt

Silber 2. Platz: Jura Petritchenko

Bronze 3. Platz: Ralf Stingl

4 Antworten zu “Mit den Augen des Fahrers – GT3 Trophy in Ungarn”

  1. Vielen Dank für diese tollen Worte… dein Geschreibe liest sich ganz entzückend und beim Anblick meines Names, bin ich vollends begeistert gewesen. 😉

    Toller Rennbereicht, und freute mich wirklich, auch mal was von mir gelesen haben zu dürfen.

Schreibe einen Kommentar

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.